Sprache im Wald

Im Deutschsommer, einem Ferienlager zur Sprachförderung der Frankfurter Stiftung Polytechnische Gesellschaft, durfte ich meine beiden Kernbereiche Deutsch als Zweitsprache (DaZ) und Wildnispädagogik vereinen – mit erstaunlichen Ergebnissen.

Auf der Wegscheide, dem Schullandheim der Stadt Frankfurt mitten im Spessart, gestalten jedes Jahr Theater- und Sozialpädagog:innen in Zusammenarbeit mit DaZ-Fachkräften drei wunderbar kreative Wochen für Kinder mit Migrationsgeschichte. Deutsch und Theater sind feste Bestandteile des täglichen Programms.

Der Rahmen für Deutsch ist mit den Kernelementen Verben und Satzbau klar strukturiert. In der Umsetzung sind wir jedoch relativ frei. So verlegte ich meinen Unterricht ins „Wald-Klassenzimmer“.

Viele Kinder kennen den Wald nur wenig, von ein paar Schulausflügen oder einem Spaziergang mit den Eltern.

Mal ganz abgesehen davon, dass der Wald an heißen Sommertagen kühler und frischer ist und die natürliche Umgebung nachweislich beruhigend wirkt, bietet der Waldunterricht einige Vorteile: Abwechslung, leichter Übergang von Bewegung zu Ruhephasen, konzentrierteres Arbeiten und weniger Unruhe.

Die Kinder gewöhnen sich schnell daran. Spätestens in der zweiten Woche ist der Wald als Raum Teil des Alltags. Ab dann fangen auch unruhige Kinder an, sich besser zu konzentrieren, zu fokussieren und können notfalls ihrem Bewegungsdrang nachgehen, ohne den Rest der Gruppe dauerhaft zu stören.

Die übliche Unruhe in einer Kindergruppe nimmt weitaus weniger Raum ein und stört gerade die Kinder, die sich gut konzentrieren können, weitaus weniger als im Raum mit vier Wänden. Der Schall verläuft schlichtweg anders; er verliert sich in der Weite.

Damit eröffnen wir uns und den Kindern neue Räume und Perspektiven.

Gerne stelle ich Ihnen hier meine bewährten Mittel und Methoden vor.

Stadtkinder im Wald müssen sich natürlich erst einmal zurechtfinden. So viele Stöcke und Steine, Blätter und Farne und – nicht zu vergessen – die vielen krabbelnden und fliegenden Insekten. Es ist ratsam, die Kinder zum Staunen zu bringen, um eventuellen Ängsten entgegen zu wirken. Baumkommunikation, das komplexe Ökosystem, die Heilwirkung von Pflanzen, der Ameisenstaat, … All das, was die Kinder in der Gruppe fasziniert. Oft sind es auch die Waldtiere, die sympathisch sind und über Geschichten gut eingebunden werden können.

Besonders bewährt haben sich Mistkäfer und Biene als Plakate im Gemeinschaftsraum. Die Biene sammelt die schönen Wörter und Sätze (Honig), der Mistkäfer sammelt die Fehler (den „Mist“; bitte immer mit Korrektur versehen) und beide wollen gefüttert werden – die Fehler sind wichtig, damit der arme Mistkäfer nicht verhungert. Resultat: Die Kinder lieben Mistkäfer!

Die Spinne hat ihren Platz im Netz der Ideen – dort können Ideen und Fragen eingebracht werden, eine Art öffentlicher Briefkasten mit freundlicher Wächterin.

Ideen für das Wald-Klassenzimmer

Allgemein: Nutzen Sie die Bewegungsfreude der Kinder!

  • Zettelrallye mit Aufträgen: Zettel an Bäume gepinnt.
  • Schnitzeljagd – Stationen im Wald.
  • Puzzle und Zuordnungen auf Schnipseln funktionieren natürlich genauso gut draußen wie drinnen.
  • Klassische Spielpläne als große Hüpfspiele im Wald.
  • Aufträge oder Wortkarten an der Wäscheleine.

Deutsch spezial

  • Einstieg: Arten auf dem Weg sammeln (Wahrnehmung schärfen): Welche Tiere oder Pflanzen siehst oder hörst du? Im Wald-Klassenzimmer angekommen, überlegen wir, welche Arten das waren. Was sind „Arten“? Im interkulturellen Kontext ist es schön, auch die verschiedenen Sprachen zu thematisieren: Welche Sprachen sind hier? Sammeln und hören. Dann kommen wir von den verschiedenen Sprachen auf die Wörter im Satz: Gibt es dort auch Kategorien?
  • Wortarten – 1, 2 oder 3 an Bäumen: Zettel mit „Nomen“, „Verben“, „Adjektive“ an Bäume pinnen, ein Wort vorlesen und die Kinder laufen zum entsprechenden Baum. Dann können die Kinder selbst Wörter in Gruppen auf Zettel schreiben. Eine andere Gruppe verteilt die Zettel dann entsprechend.
  • Personalpronomen – Verbendungen als 1, 2 oder 3 an Bäumen: s.o. nur mit den Personalpronomen an Bäumen und das Verb vorgelesen oder umgekehrt.
  • Verben sammeln und ausprobieren: schleichen, streunen, rennen, hüpfen, gehen, laufen, tanzen, trampeln, stampfen, schlendern, …
  • Verbbaum als Plakat für den Raum: Der Verbstamm im Baumstamm, die Endungen als Blätter an den Ästen. Für Singular und Plural habe ich dem Waldthema entsprechend Eulen benutzt (siehe Foto unten).
  • Drei-Bein-Lauf: Personalpronomen-Verb mit Endung (zwei Kinder): Die Kinder ziehen Zettel mit Personalpronomen oder Verb und finden ihren Partner. Sie stehen nebeneinander und werden locker an zwei Füßen zusammengebunden. Nun sollen sie erst einmal üben, zusammen zu laufen und Strategien zu entwickeln. Im Anschluss gibt es ein Wettrennen der Paare. Teamwork ist angesagt. Bitte auf weichen Boden achten!
  • Schwierige Variante Drei-Bein-Lauf: Personalpronomen-Verbstamm-Endung (drei Kinder): Wie oben beschrieben mit Personalpronomen, Verbstamm und Endung. Das mittlere Kind ist mit beiden Füßen an jeweils einen Partner gebunden. Die Kinder sollen erst einmal langsam üben. Das Wettrennen nicht als „Rennen“ gestalten – das ist zu gefährlich. Wer hat die beste Strategie? Welches Team schafft es am besten, zu laufen, ohne hinzufallen?
  • Auf einem Satz gehen: Rhythmusgedichte, Satzakzente, Wortakzente laufen.

Den Weg gestalten

Hier haben sich vor allem Übungen aus der Wildnis- und Erlebnispädagogik bewährt:

  • Blindläufe: mit Partner:in, als Blindschlange, einzeln eine gerade Strecke laufen, …
  • Menschliche Kamera: ein Kind ist blind, das andere führt zu einem Ort und Blickwinkel, der ihm gefällt. Dort justiert es die Kamera (das andere Kind) und drückt den Auslöser (auf die Schulter). Das „blinde“ Kind öffnet die Augen und prägt sich das Bild ein. Dann wird es weitergeführt und soll im Anschluss wieder das Bild finden.
  • Verschiedene Gangarten: Fersengang, Ballengang, seitwärts, rückwärts, …
  • Suche etwas Weiches, Hartes, Buntes, Grünes, Spitzes, Gerades, Krummes, …
  • Nimm einen Gegenstand mit, der gut in eine Hand passt. Anschließend werden die Gegenstände im Kreis hinter dem Rücken immer eins weitergegeben. Die Kinder tasten die Gegenstände und dann geht es weiter im Kreis (auf Anweisung), bis alle wieder ihren Gegenstand haben. Dann beschreiben sie einen Gegenstand, z.B. er war weich, etwas feucht. Das Kind, das meint, den Gegenstand in der Hand zu haben, zeigt ihn.
  • Einen guten Platz finden: für einen Hasen, eine Maus, einen Eichelhäher, ein Wildschwein, ein Reh, …

Der Fokus sollte auf der Wahrnehmung liegen. Dabei ist es ratsam, alle Sinne einzusetzen. Sie werden oft im städtischen Alltag vernachlässigt.

Waldgeschichten: Tiere und Pflanzen einbinden

Besonders schön sind frei erzählte Märchen zu Pflanzen, Tieren und Bäumen. Sie können aber auch eigene Geschichten erfinden. Zusätzliche Möglichkeiten für Deutsch: Wildschweine wühlen die Vergangenheit auf (Perfekt), Tiere oder magische Waldwesen (Gnome, Elfen) erzählen ihre Geschichte (Präteritum). Auch eine Wald-Zeitmaschine hat es schon im Deutschsommer gegeben. Das Baumhaus verwandelte Sätze vom Präsens ins Perfekt (oder Präteritum).

Ich wünsche Ihnen und Ihrer Gruppe eine wunderbare Zeit im Wald!